Annemarie: Verlorenen Mut wiederfinden

von Annemarie van Heijningen – Autorin, Sprecherin und Kolumnistin

Ich kann den Mut verlieren, wenn die Bäume ihr Blattkleid verlieren, der Tag immer früher dunkel wird und meine Pflichten mir verbieten, Winterschlaf zu halten.

Ich kann den Mut verlieren, wenn ich sehe, wie Menschen um mich herum mit Kämpfen und Krankheiten zu kämpfen haben, wenn ich sehe, wie Beziehungen in die Brüche gehen und merke, wie die Liebe erkaltet.

Ich kann den Mut verlieren, wenn ich schüchtern von meiner kleinen Welt in die große Welt um mich herum schaue, die Welt der Nachrichten, die Welt von COVID-19.

Ich kann den Mut verlieren, wenn mein Blick für einen Moment auf Moria 2.0 ruht, dem Lager, das das Leid eines jeden Flüchtlings auf dieser Erde symbolisiert. Schüchtern schaue ich wieder weg; Schuldgefühle zwängen sich durch meine Inneres.

Ich kann den Mut verlieren, wenn ich an zerfallene Kirchen denke, an achselzuckende Gleichgültigkeit, Gott liebt uns doch genauso, wer oder was kann uns schaden?

Ich kann den Mut verlieren, wenn ich an meine Nachkommen denke. Optimisten mögen schreien, dass die Welt besser wird, Schriftsteller mögen schreiben, dass die meisten Menschen tugendhaft sind, doch selbst ich neige dazu, das eine oder andere zu bezweifeln.

Und dann, an einem zufälligen Samstagmorgen, erscheint Henk Binnendijk in meiner Facebook-Timeline. Er ist sehr alt und hat gerade seinen Sohn beerdigt. Ein Sohn, der ebenfalls den Mut verloren hatte und sich das Leben nahm. Ich kannte diesen alten Prediger, hatte mir oft seine Worte angehört. Neugierig suche ich weiter. Kann er weiterhin das Licht durch die Dunkelheit sehen? Kann er praktizieren, was er sein Leben lang gepredigt hat? Wird er es schaffen, seiner Trauer zu vertrauen, seine Klage in ein Lied zu verwandeln? Es ist mehr als Neugier, es ist die Suche nach einem Zeichen: Wenn sein Glaube trotz allem intakt geblieben ist, werde auch ich es schaffen, wieder Mut zu fassen.

Es gibt kein stärkeres Zeugnis als ein gebrochenes Halleluja. Von Generation zu Generation gibt es Menschen, die bezeugen, dass Gott auch im Leid gegenwärtig ist. Tausende von Millionen, eine Vielzahl, die niemand zählen kann. Auch David sprach aus tiefster Trauer: “Ich vertraue auf deine Liebe”. Horatio Spafford, der seine vier Töchter an die See verloren hatte: “Es ist gut mit meiner Seele”. Kinga Ban posthum auf YouTube: “Dein Name ist ‘Ich bin’ und ‘ich bin bei dir'”. Und dann auch Henk: “Gott lehrt uns, im Sturm zu ruhen. Er weiß, was er tut”. Seine Rede wurde mit einem alten Psalm unterlegt, interpretiert von mehr als tausend Männerstimmen. Es geht um Wellen und die Geburt einer aufgewühlten Seele – und um einen Gott, der befreit. Mut schleicht sich in meine Seele, mit ihr die Ruhe und der langsame Rhythmus einer alten Melodie.

Mut. Das ist es, was wir in dieser unsicheren Zeit brauchen. Es ist wichtig, sich gegenseitig zu ermutigen, um neuen Mut zu fassen, sowohl in der Nähe als auch in der Ferne. Gemeinsam wollen wir auch für Menschen in Krisengebieten da sein, die Gefahr laufen, den Mut zu verlieren. Helfen Sie uns dabei?

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