„Dieser kleine Mann ist sehr widerstandsfähig.“

Der fünfjährige Roy aus dem Irak

Kolumne von Petra Butler – Mutter von zwei Söhnen, Psychologin und Journalistin

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Roy (5) floh mit seinen Eltern vor dem Krieg. Ich treffe mich mit ihm und seiner Mutter zum Kaffee. Er ist zu Anfang sehr schüchtern, aber er entspannt sich mit der Zeit. Ich darf mir sogar sein Bilderbuch mit Tierbildern anschauen.

Ich frage ihn auf Englisch: „Möchtest du mir ein paar arabische Wörter beibringen?“ Seine Mutter übersetzt. Ja, das tut er. Er zeigt auf Tiere in seinem Buch und benennt sie. Ich wiederhole alles und Roy kichert hinter vorgehaltener Hand über meine seltsame Aussprache. Nach einer Weile erscheint ein schelmisches Funkeln in seinen Augen. Er erwähnt ein Wort, ohne darauf zu zeigen. Als ich es wiederhole, bricht er in Gelächter aus. Prompt sage ich es noch fünf Mal – und er fällt vor Lachen fast vom Stuhl.

Seine Mutter war währenddessen Kaffee holen und kommt überrascht zurück. Sie fragt etwas in schnellem Arabisch. Roy wirft ihr große, schuldbewusste Augen zu und sagt nichts. Ich hingegen verkünde stolz mein gerade erst erlerntes arabisches Wort. Die Mutter erschrickt und sieht sich um, um zu sehen, ob es jemand mitbekommen hat. Dann wird dem Sohn in noch schnellerem Arabisch gesagt, was sie von seinem Sprachunterricht hält. Offensichtlich nicht sehr gut. Er blickt verärgert zu Boden.

Schade. Ich mochte dieses fröhliche Gesicht so sehr. Sie haben eine Menge durchgemacht. Er musste sein Zuhause und seine Freunde zurücklassen. Seine Großeltern konnten nicht entkommen. Trotzdem gibt es kleine Momente, in denen er wieder Spaß haben kann. Dieser kleine Mann ist sehr widerstandsfähig.

„Ich gönne ihm und allen Kindern, die geflohen sind, einen sicheren Ort wie diesen.“

Letzteres gilt hoffentlich für viele der 35 Millionen Kinder, die weltweit auf der Flucht sind. Traumatisiert, entwurzelt durch Kriege, Naturkatastrophen, Hungersnöte. Tausende von ihnen werden nicht einmal das fünfte Lebensjahr erreichen. Und die Überlebenden möchten so schnell wie möglich in ihre Heimat zurückkehren – ein Ziel, für das sich ZOA durch die Bereitstellung von Hilfsgütern in der Region und die Zusammenarbeit bei der Friedensförderung einsetzt.

„Was hat er gesagt?“, frage ich Roys Mutter. Sie presst vor Scham die Lippen zusammen. Vielleicht „Kacke?“, frage ich. Roy ist fünf Jahre alt, in diesem Alter ist das der Gipfel des Humors. Sie schaut verlegen auf. Ich kichere und sage, ich bin froh, dass er trotz allem noch lachen kann. Sie nickt.

Als wir uns verabschieden, flüstere ich noch einmal Roys Lieblingswort. Er blickt vorsichtig zu seiner Mutter. Als sie spöttisch lächelt, bricht er in Gelächter aus. Ich wünsche ihm und all den anderen geflüchteten Kindern, dass sie in einer sicheren Umgebung aufwachsen können. Ein Ort, an dem sie wieder Spaß haben können, mit Freunden in ihrem Alter. Und mit ihren eigenen, schelmischen Lieblingswörtern.

 

Kinder verdienen einen Ort, an dem sie Kinder sein können. Gemeinsam bieten wir einen sicheren Platz zum Schlafen, Bildung, nahrhafte Mahlzeiten und einen Raum, um Kind sein zu können. Mit einer Spende von 54 € können wir zum Beispiel einem Kind Bildung und professionelle Hilfe bei der Bewältigung von Traumata ermöglichen.

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