Edwin Visser: "In Syrien fehlt es an allem."

Vom Abenteurer zur Nothilfe

In Somalia sah er Kinder vor seinen Augen sterben, in Darfur erlebte er die Lebensfreude von Menschen in Not und in Ägypten lernte er den Nahen Osten von innen kennen. Jetzt ist Edwin Visser Country Director von ZOA Syrien. “In diesem Land gibt es einen Bedarf an fast allem.”

Edwin Visser hatte den Ruf nach Abenteuer schon immer gespürt. Als Kind wollte er Förster werden, aber als junger Erwachsener ging er kurz nach seinem Studium in den Mittleren Osten, um als Geschäftsführer einer Firma Fernsehproduktionen zu machen. Von Kairo in Ägypten aus reiste er an unzählige Orte in der Region, wo er sah, welche Auswirkungen die anhaltende Armut auf die Menschheit hat. Das traf Edwin schwer. “Ich fand heraus, dass meine Medienbotschaften an den Menschen vorbei ging, weil sie bloß versuchten zu überleben.”

Und dann bist du zur Nothilfe gewechselt…

“Ja, das stimmt. Mein erster Job als humanitärer Mitarbeiter (damals noch nicht bei ZOA) war in Darfur, Sudan. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich am lokalen Flughafen ankam, einer sandigen Start- und Landebahn. An der Seite standen beeindruckende Kampfhubschrauber. Ich traf hier in Darfur Menschen, die aufrichtig dankbar für die Hilfe waren, die sie erhielten. Aber gleichzeitig gab es auch Frustration, denn die Bedürfnisse dieser Menschen waren enorm und unsere Möglichkeiten waren begrenzt. Aber trotz des Elends erweckte es den Eindruck, dass Menschen selbst unter schwierigen Bedingungen immer noch gastfreundlich sein und gemeinsam Spaß haben konnten. Dass jemand in einer abgelegenen Gegend voller Gewalt leb, und doch abends noch Musik machen kan, ist beeindruckend.”

Das Beeindruckendste aber war meine Zeit in Somalia. Dort kämpften sie mit schwerer Dürre und die Kinder waren sehr unterernährt. Das Land stöhnte und ächzte schon seit Jahrzehnten unter dem Terror. Ich sah Kinder vor meinen Augen an Hunger sterben. Das hat mich sehr erschüttert.

edwin visser
Edwin Visser

Wintereinbruch in Syrien

Wie bist du in Syrien gelandet?

“Ich lebe seit etwa 15 Jahren im Mittleren Osten und ich liebe es, hier zu sein. Die Menschen sind herzlich und einladend. Zusammen mit meiner Frau und meinen zwei Jungs lebe ich in Jordanien. Aber seit ich im vergangenen Mai Country Director in Syrien wurde, reise ich regelmäßig über die Grenze in das Land. Im Moment arbeiten wir hauptsächlich in und um Aleppo, aber in naher Zukunft werden wir auch in andere Teile des Landes expandieren. Deshalb hoffen wir, in Damaskus bald ein Büro zu beziehen, in dem wir mit einem leidenschaftlichen und guten Team arbeiten können.

Welche Hilfe wird in Syrien besonders benötigt?

“Eigentlich ist so ziemlich alles nötig. Häuser sind kaputt und müssen repariert oder umgebaut werden. Sauberes Trinkwasser ist nicht immer verfügbar. Aber es ist auch sehr wichtig, dass die Menschen in der Lage sind, ihr eigenes Einkommen zurückzugewinnen – zum Beispiel, dass die Landwirte ihre kleinen Betriebe wieder in Betrieb nehmen können.”

Doch jetzt herrscht Winter. Macht die Jahreszeit das Leben für die Syrer noch schwieriger?

“Die Winter können ziemlich kalt sein, ja. Temperaturen um den Gefrierpunkt herum sind normal. Ich habe viele Häuser gesehen, in denen der Wind ungehindert durch Risse oder zerbrochene Fenster wehte. Noch heute Morgen habe ich mit einem unserer Mitarbeiter gesprochen. Weil zu viel Schnee gefallen war, konnte sie ihre Haustür nicht öffnen.”

winter syrie
Winter in Syrië, 2019

Die aktuellen Herausforderungen

Kannst du etwas dagegen tun?

“Ja, in der Tat. In Aleppo helfen wir 1250 Menschen mit Decken, einem Herd und Gegenständen wie Matratzen, Kissen und Materialien, um ihr Zuhause winddicht zu machen. In Dara’a, einer anderen Stadt, können wir weitere 5700 dieser Gegenstände verteilen.”

Was willst du noch in Syrien erreichen?

“Wir sind froh, dass wir Zugang nach Damaskus erhalten haben. Denn das ist nicht selbstverständlich und die Zahl der erfolgreichen Unternehmen ist begrenzt. Dadurch hoffe ich, dass wir in naher Zukunft unsere Programme im Land deutlich ausbauen können. Die Folgen des Krieges in Syrien sind unvorstellbar, und es wird Jahre dauern, bis das Land wieder auf die Beine kommt. Tatsächlich wird unsere Mission nur dann erfolgreich sein, wenn jeder ein würdiges Leben ohne Armut führen kann. Zwar klingt das natürlich ziemlich ambitioniert, aber so ist es nun mal.”

Was ist die größte Herausforderung in Syrien?

“Es ist eine große Herausforderung, mit den begrenzten Ressourcen, über die wir verfügen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Zum Beispiel ist es schwer, zu entscheiden, in welche Gebiete des Landes wir gehen und wem wir dort helfen, da der Bedarf überall ist.”

Homs
De Syrische stad Homs vanuit de auto, 2019

Mit Ihrem Beitrag sorgt ZOA dafür, dass Menschen ein warmes Zuhause haben können. In Ländern wie Syrien tun wir dies zum Beispiel mit winddichten Segeln, Öfen und Decken.

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